Die Corona-Sommerwelle führt zu steigenden Infektionszahlen. Zugleich fallen derzeit viele Arbeitnehmer krankheitsbedingt aus. Woran liegt das und was bedeutet das für den Herbst? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wie ist die Infektionslage?

Anfang Juli erreichte die Inzidenzkurve mit bundesweit 725 bestätigten Ansteckungen je 100 000 Einwohner ihren jüngsten Höchstwert – das ist die seit Pfingsten rollende, vom Omikron-Subtyp BA.5 befeuerte Sommerwelle. Die Neuinfektionen sind bundesweit sehr ungleich verteilt: In Schleswig-Holstein liegt sie bei etwa 1000, in Thüringen unter 300.

Sind derzeit besonders viele Menschen krank?

Basierend auf Meldedaten aus der Bevölkerung und von Ärzten schätzt das Robert-Koch-Institut (RKI), dass derzeit rund 4,5 Millionen Menschen unter einer akuten Atemwegserkrankung leiden. Rund 1,2 Millionen Menschen waren deshalb vergangene Woche beim Arzt. Die Werte liegen deutlich über dem, was Anfang Juli üblich ist. Auch sind um ein Vielfaches mehr Menschen krank als in den Coronasommern 2020 und 2021.

Unserer Zeitung vorliegende Daten der Krankenkassen stützen diesen Befund: Die AOK Baden-Württemberg registrierte im Mai 2022 rund 43 Prozent mehr Krankmeldungen als im Vorjahr und ein Viertel mehr als 2020. Unter den Versicherten der Techniker Krankenkasse ist der Krankenstand bundesweit um rund ein Drittel höher als vergangenes Frühjahr.

Warum sind so viele krank?

„Man geht wieder mehr raus, trägt kaum Maske – deshalb sehen wir derzeit nicht nur wegen Corona einen Anstieg der Krankmeldungen“, sagt Sebastian Bader, Sprecher der AOK Baden-Württemberg. Die Versicherung zählte diesen Mai fünfmal mehr Krankmeldungen wegen Atemwegsinfekten als 2020, verglichen mit 2021 fast dreimal so viele. Dabei handelt es sich teilweise um „nachgeholte“ Infektionen, teilweise ist der Anstieg auch dem Wegfall der Schutzmaßnahmen wie Maskentragen oder Kontaktbeschränkungen geschuldet.

Covid-19 kommt noch obendrauf. Um die Dimensionen anhand der Daten der AOK Baden-Württemberg zu verdeutlichen: zu den knapp 96 000 akuten Atemwegsinfekten kamen im Mai knapp 31 000 Krankmeldungen wegen Covid-19. Das sind mehr als dreimal so viele wie vor einem Jahr.

Wie lange rollt die Sommerwelle?

Seit knapp einer Woche weist das Robert-Koch-Institut (RKI) leicht sinkende Infektionszahlen aus. Leider deutet das nicht zwingend ein Ende der Welle an. Der Inzidenzwert hat über die Zeit an Aussagekraft eingebüßt und ist mittlerweile eher ein grober Indikator für steigende oder sinkende Infektionszahlen. Der leichte Rückgang der vergangenen Tage ist noch nicht eindeutig genug.

Das hat auch mit der Testmüdigkeit zu tun: Auf eine Infektion kommen derzeit etwa 1,5 PCR-Tests. Im Sommer 2021 waren es zehnmal so viele. Zudem sind die Bürgertests mittlerweile kostenpflichtig, was die Nachfrage stark dämpfen dürfte. Wer weniger testet, entdeckt tendenziell weniger Infizierte – und nimmt eine höhere Dunkelziffer in Kauf, die nicht in die 7-Tage-Inzidenz einfließt. Doch auch unerkannt Infizierte können andere anstecken, die dann krank werden.

Ist das Gesundheitssystem überlastet?

Das ist zumindest im Sommer nicht zu befürchten. Die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen hat sich binnen eines Monats zwar fast verdoppelt und liegt deutlich über 1000. Höchstwerte wie zuletzt im Dezember mit fast 5000 Patienten sind aber nicht zu befürchten.

Für die Normalstationen ist die Sommerwelle eine Belastung. Mittlerweile kommen ähnlich viele Patienten mit Covid-19 in die Kliniken wie vergangenes Frühjahr. Sie müssen für die Behandlung isoliert werden und ihre Zahl steigt derzeit weiter. Zudem ist auch in den Kliniken der Krankenstand hoch.

Was bedeutet das für den Herbst?

Vor einem Jahr wurden bundesweit pro Woche weniger als 10 000 Covid-19-Infektionen per Labortest bestätigt, vergangene Woche dagegen mehr als eine halbe Million. 2021 stiegen die Infektionszahlen während der Sommerferienmonate leicht. Vermutlich wird Deutschland von einem recht hohen Infektionssockel ins Winterhalbjahr gehen, samt entsprechendem Risiko für neue Höchstwerte bei erkannten und unerkannten Infektionen, Krankenhausbehandlungen und Krankschreibungen, nicht zuletzt bei Eltern mit Kindern.

Sofern keine krankmachendere neue Variante auftritt, entspricht das dem „Basisszenario“, das der Corona-Expertenrat der Bundesregierung Anfang Juni entworfen hat. In der Stellungnahme heißt es: „Trotz der moderaten Belastung der Intensivmedizin könnten die Arbeitsausfälle erneut flächendeckende Maßnahmen des Übertragungsschutzes (Masken und Abstand in Innenräumen) erforderlich machen“. Auch Mittel zur Kontaktreduktion wie Obergrenzen bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen werden genannt.