Das Theaterstück „Ökozid“ am Stuttgarter Schauspiel setzt sich mit den verheerenden Auswirkungen des Klimawandels auseinander. Zu jeder Aufführung werden Experten geladen, die die unterschiedlichen ökologischen, gesellschaftlichen und politischen Aspekte beleuchten. Am 9. Juli soll der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, über das Versagen der Bundesregierung im Verkehrssektor sprechen.

Doch im Vorfeld seines Auftritts kommt es seit Tagen in den sozialen Medien zu massiven Einschüchterungsversuchen, Hetze und Morddrohungen. Der Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski, zugleich Regisseur des Stücks, zeigt sich über die Welle an Gewalt und Hetze entsetzt: „So etwas hat das Schauspiel Stuttgart noch nie erlebt“, heißt es in einer Mitteilung. „Wir verurteilen die Hass-Postings aufs Schärfste.“

Menschenverachtendes Verhalten

Die Morddrohungen seien an Facebook gemeldet und daraufhin entfernt worden. Zudem seien gegen etliche Personen Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet worden. Als Theater und Ort der Demokratie erwarte man, dass Meinungen und Positionen sachlich und inhaltlich konstruktiv geäußert werden. Zudem weist das Haus darauf hin, dass Einladungen an Vertreter der Automobilbranche, ihre Argumente im Rahmen von „Ökozid“ vorzubringen, bisher allesamt ignoriert worden seien.

Die Veranstaltung am Samstag soll wie geplant stattfinden. „Die Polizei prüft, ob eine Gefährdungslage vorliegt, ähnlich wie wenn Politiker kommen, je nachdem werden wir die Security verstärken oder nicht“, sagt die Sprecherin des Schauspiels, Katharina Parpart. Auch am Schauspiel Stuttgart ist das Phänomen brodelnder Netzaktivitäten nichts Neues. In abgeschwächter Form gab es das schon einmal, als Lisa Neubauer bei „Ökozid“ aufgetreten ist. Massive Morddrohungen aber seien eine neue Qualität, sagt Parpart. „In einem Post wurde angekündigt, man wolle das Schauspielhaus in die Luft jagen, wenn Jürgen Resch spricht.“ Dergleichen Drohungen gehören für den Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe zum traurigen Alltag. Mehrfach hat er in vergleichbaren Fällen Strafanzeige gestellt – so auch jetzt. Sein Einsatz für die Einhaltung der EU-Abgasgrenzwerte, sein Kampf für Dieselfahrverbote haben ihn zum Gottseibeiuns der deutschen Autolobby gemacht. Während die einen ihn als Umweltheld feiern, der nur auf Einhaltung der Gesetze dringt, sehen andere in ihm den Feind aller Autofahrer.

Hassfigur der Autolobby

Für den Autor von „Ökozid“, Andres Veiel, war Jürgen Resch eine der Quellen. Er tritt als Figur im Stück auch auf, gespielt von Boris Burgstaller. So wird es am Samstag für den Umweltschützer zu einer Begegnung auf der Bühne mit sich selbst kommen – wenn die Luft trotz aller Shitstorms rein bleibt.