Oliver Glasner im Porträt: „Das Entscheidende für eine Mannschaft ist immer der Teamspirit“

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Eintracht Frankfurt erlebt ein viel umjubeltes Jahr in der UEFA Europa League. Die Geschlossenheit, mit der das Bundesliga-Team bis in das Finale gegen die Glasgow Rangers marschiert ist, hat Fußball-Fans auf aller Welt begeistert. Diese besonderen Leistungen der Hessen sind auch ein Verdienst von Oliver Glasner. Ronald Reng, unter anderem Autor der preisgekrönten Biografie von Robert Enke, hat den Trainer für das DFL MAGAZIN (Ausgabe 2/22) getroffen. Sein Text zeichnet das Bild eines besonderen Menschen.

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Nicht nur auf dem Fußballplatz, auch in Büchern begegnete Oliver Glasner schon tollen Typen. Siddhartha war so eine Romanfigur, die ihm lebhaft in Erinnerung geblieben ist. „Kennen Sie das Buch?“, fragt er, und da ich das Meisterwerk des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse nicht gelesen habe, fasst er es kurz zusammen: Siddhartha, ein junger Inder, macht sich auf, den Sinn des Lebens zu finden. Hermann Hesses Held steigt zu den reichen Kaufleuten der Stadt auf, gibt sich einer schönen Frau hin und danach ganz der Religion, „nur um am Ende der Reise zu merken, dass er alles, was er wirklich braucht, immer schon hatte: seinen besten Freund, die Familie, die Natur.“

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Die Geschichte ist Oliver Glasner im Sinn geblieben, denn steckt nicht in uns allen ein kleiner Siddhartha, ein ständig Suchender, der nicht mehr sieht, was er hat? Glasner zum Beispiel hat drei Studienrichtungen ausprobiert, Technische Mathematik, dazu Sport und Geografie für das Lehramt sowie schließlich Betriebswirtschaft, um dann zu merken, dass er das Berufsfeld schon längst hatte, auf dem er seine größte Zufriedenheit findet. Den Fußball. So wurde Oliver Glasner nach 19 Jahren als ­Fußballprofi Fußballtrainer. Sein bemerkenswert geradliniger Erfolgsweg in seiner zweiten Karriere hat ihm einige Aufmerksamkeit beschert.

Zu Hause in Oberösterreich stieg er mit dem Linzer Athletik-Sport-Klub aus der zweiten Liga innerhalb von drei Spieljahren bis auf Platz zwei der österreichischen Bundesliga auf, in der vergangenen Saison qualifizierte er sich mit dem VfL Wolfsburg für die UEFA Champions League, und nun, mit 47 Jahren, managt er seit Mitte 2021 bei Eintracht Frankfurt einen Umbruch, nachdem der Vorstand Sport, der Sportdirektor, sein Vorgänger als Trainer, der Torjäger vom Dienst und ein Publikumsliebling im vergangenen Sommer auf einen Schlag zu anderen Clubs wechselten. In den knapp anderthalb Stunden, die wir in Frankfurt zusammensitzen, reden wir jedoch mit keinem einzigen Satz über die Entwicklung bisher. Es scheint das ganze Gespräch hindurch andere Themen zu geben. Wie arbeitet Oliver Glasner, warum arbeitet er als Trainer?

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Warum? Die Frage stelle nicht ich, die stellt er selbst: Warum macht jemand etwas? „Ich sehe mir viele Menschen an: Warum bleibt ein Aufsichtsrat von Volkswagen bis ins eigentliche Rentenalter auf seinem Posten, wo er aus äußerer Sicht doch enorm viel Stress hat? Warum spielt Cristiano Ronaldo noch mit 37, obwohl er doch schon fast alles gewonnen hat? Warum gibt ein Lehrer nach 30 Berufsjahren noch freiwillig Nachhilfeunterricht?“ Glasner antwortet sich selbst: „Weil ihr Antrieb die Leidenschaft ist. So ist das auch bei mir im Trainerjob.“

Wenn er abends nach seinem normalen Elf-Stunden-Arbeitstag bei Eintracht Frankfurt in seine Wohnung am südlichen Mainufer der Stadt zurückkehrt, klingt die Frage gelegentlich auch anders: Warum machst du das? Ist es der Beruf wert, dass du jetzt allein hier bist, obwohl du liebend gern bei deiner Frau und den drei Kindern zu Hause in Oberösterreich sein würdest? Er versucht dann, aus der Vogelperspektive auf das eigene Leben zu schauen: Wie sie in der Familie versuchen, die selten gewordenen gemeinsamen Tage zu nutzen; zugleich wie wenige Jahre er – über die gesamte Lebenszeit betrachtet – in der Ferne ist.

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In der Tat ist es erstaunlich, dass Oliver Glasner im Profifußball bis zu seinem Wechsel nach Wolfsburg vor drei Jahren sein ganzes Leben lang in Riedau gelebt hat, einem Dorf mit heute rund 2.000 Einwohnern, wo Passau und die deutsche Grenze nah sind. Er spielte 18 Jahre lang 15 Minuten entfernt, für die SV Ried als Verteidiger in der ersten und zweiten österreichischen Liga, er arbeitete als Trainer in Salzburg, Ried und Linz, alles in Pendlernähe. Als er seine Frau Bettina kennenlernte, lebten sie beide noch bei den Eltern, und als sie überlegten, gemeinsam eine Wohnung zu mieten, kam ihnen eine bessere Idee: Sie bauten ein Haus in Riedau; mit 20 Jahren. Er muss selbst lachen. „Na ja, wir dachten halt: Sparen wir uns mal die Miete. So wurde unser erstes gemeinsames Zuhause das Haus, in dem wir heute noch wohnen.“

Jemand, der sich in der eigenen kleinen Welt verschließt, ist er nie geworden. Oliver Glasner ist ein offener Mensch, das ist nach wenigen Minuten im Gespräch zu spüren. In Frankfurt geht er gern zu Fuß von seiner Wohnung über den Eisernen Steg – jene Mainbrücke, die Max Beckmann in seinem berühmten Gemälde verewigte – und weiter zum historischen Rathaus, dem Römer. Wenn er dort in einem der Straßencafés sitzt, spricht ihn, wie das in Frankfurt nicht untypisch ist, irgendwann gewiss irgendwer geradeheraus an. „Mache Sie sisch emol kä Sorsche, mer habbe mid unsrer Eintracht schon viel schlimmere Zeite erlebt“, tröstete ihn nach einem schlechteren Spiel mal ein älterer Passant. Oliver Glasner plaudert dann selbstverständlich zwei, drei Sätze mit dem Einheimischen. „Solange die Leute mich nicht für eine halbe Stunde vereinnahmen wollen, ist das doch eine schöne Sache.“

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Denn, und da sind wir wieder direkt beim Thema, warum er Trainer ist: Menschen sind doch das Interessante im Leben. Dr. Werner Zöchling hat diese Erkenntnis in ihm gefördert. Zöchling ist ein 71-jähriger Soziologe. Wie viele österreichische Spitzentrainer, etwa Adi Hütter oder Peter Stöger, sucht Glasner ganz selbstverständlich den Austausch mit Spezialisten in Sachen Teamführung. „Was, glaubst du, ist die wichtigste Eigenschaft eines Lehrers?“, fragte ihn Zöchling einmal. Glasner überlegte: „Das Wichtigste für einen Lehrer? Vielleicht sein Wissen? Oder die Kunst, Wissen zu vermitteln?“

Falsch, sagte Zöchling. „Das Wichtigste ist, dass er Kinder mag.“ Und entsprechend, denkt Glasner, „ist das Wichtigste für einen Fußballtrainer, dass er Menschen mag“. Auch er feilt in einer Tiefe an taktischen Details, durch die Außenstehende bei modernen Trainern an verrückte Professoren denken, „aber am meisten Gedanken mache ich mir über die Spieler, die Menschen, mit denen ich arbeite. Denn das Entscheidende für eine Mannschaft ist immer der Teamspirit.“

Ein Trainer weckt den Spirit einer Mannschaft nie nur mit seiner Art zu sein, sondern immer auch mit seiner Fachkenntnis. Wenn die Fußballer den Eindruck haben, dieser Trainer hat bessere Ideen als andere, wächst die Gruppe im Gefühl, besonders zu sein. Oliver Glasner hat viele Meister ihres Fachs studiert, Jürgen Klopp, Josep „Pep“ Guardiola, Ralf Rangnick, und er hat versucht, aus deren Erkenntnissen eigene Ideen zu entwickeln. Zum Beispiel hörte er auch von einer Studie aus dem Basketball: Mit 1.000 Freiwürfen pro Woche verbessere ein Schütze seine Trefferquote sichtbar. Trainiere er aber Würfe aus ganz unterschiedlichen Distanzen, brauche er nur 600 Trainingswürfe, um seine Freiwurfquote zu steigern.

„Unterschiedliche Reize – Würfe aus verschiedenen Positionen – führen also dazu, dass der Mensch schneller lernt, schloss ich daraus.“ Bei Glasner ist es so, dass seine Spieler zum Trainieren der Schnelligkeitsausdauer nicht 20 Läufe über 80 Meter mit kurzen Pausen absolvieren, sondern er veranstaltet ein Fußballturnier; fünf gegen fünf auf kleinem Spielfeld, nach einem Tor geht das Verliererteam runter, die Sieger bleiben drauf. Eine halbe Stunde geht das so: „Die Spieler sind permanent und unvorhersehbar unterschiedlichen Belastungsreizen ausgesetzt, mal 20 Sekunden, mal 90 Sekunden, mal mit einer kurzen Pause, mal mit einer längeren.“

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Leidenschaft, das ist es doch, was er in Momenten spürt, wenn er auf solche Ideen kommt. Er muss lächelnd daran denken, wie er sich zunächst innerlich gegen seinen jetzigen Beruf wehrte, „du hast doch nicht sieben Jahre Wirtschaft studiert, um dann Trainer zu werden!“ Und dann saß er im vergangenen November nach einem gelungenen Europa-League-Abend in Piräus gegen Mitternacht noch kurz an der Hotelbar. Der komplette Vorstand und der Aufsichtsrat der Eintracht drängten an die Bar, seine Assistenten waren da, ein paar Mitarbeiter, Fans. Alle schnatterten fröhlich. Nur Oliver Glasner sagte nichts, minutenlang. Er sah sich einfach die Gesichter an, diese Leichtigkeit, dieses Glück, und da spürte er: Um das zu erleben, dafür bist du Trainer.

Der Text ist erstmals im DFL MAGAZIN (Ausgabe 2/22, veröffentlicht am 6. Mai) erschienen. Das gesamte Magazin gibt es in der neuen DFL App, verfügbar im App Store oder bei Google Play, sowie als blätterbares ePaper.

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